Empowerment in der Schule
Politische Bildung an Berliner beruflichen Schulen und Oberstufenzentren
Im ersten Halbjahr 2026 haben wir unsere politische Bildungsarbeit an Berliner beruflichen Schulen und Oberstufenzentren weiter ausgebaut. In Workshops und mehrteiligen Workshopreihen haben wir mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu Demokratie, gesellschaftlicher Teilhabe, Diskriminierung, Zugehörigkeit und persönlichen Handlungsmöglichkeiten gearbeitet. Ausgangspunkt waren die Erfahrungen, Interessen und Fragen der Teilnehmenden selbst.
Wir wollen in der Schule einen Raum schaffen, der sich deutlich vom üblichen Unterricht unterscheidet. Dort gibt es keine Noten, wenig Leistungsdruck und Raum für eigene Themen. Politische Bildung verstehen wir nicht nur als Vermittlung von Wissen. Jugendliche sollen eigene Positionen entwickeln, unterschiedliche Perspektiven diskutieren und erfahren können, dass ihre Anliegen gesellschaftliche und politische Bedeutung haben. Offenheit, Inklusion, Partizipation und ein respektvoller Umgang mit abweichenden Sichtweisen bilden dafür den Rahmen.

Unterschiedliche Gruppen, unterschiedliche Zugänge
Im Frühjahr und Frühsommer arbeiteten wir mit Lerngruppen an der Max-Taut-Schule in Lichtenberg, der Hans-Litten-Schule, der Hein-Moeller-Schule sowie dem Oberstufenzentrum Bürowirtschaft Steglitz (OSZ). Die Formate reichten von eintägigen Projekttagen bis zu mehrteiligen Workshopreihen. Die Gruppen unterschieden sich deutlich in Alter, Sprachniveau, Gruppendynamik und bisheriger Erfahrung mit politischen Themen.
Gerade diese Unterschiede sind ein zentraler Bestandteil unseres Ansatzes. Die Workshops folgen deshalb keinem starren Ablauf. Gespräche und Diskussionen werden mit Bewegung, Bildern, Symbolen, kreativer Arbeit und Kleingruppenformaten verbunden. Bei Bedarf wird die Sprache vereinfacht oder stärker visualisiert. Verschiedene Sprachen und Ausdrucksformen werden nicht als Hindernis, sondern als Ressourcen der Gruppe verstanden.
An der Hein-Moeller-Schule arbeiteten wir mit einer Willkommensklasse auf den Sprachniveaus A1/A2. Der Workshop war deshalb bewusst auf einfache Sprache, Bilder, Symbole und körperorientierte Methoden ausgerichtet. Die Jugendlichen markierten auf einer Weltkarte ihre Herkunftsorte und beschäftigten sich anschließend damit, was sie nach Berlin „mitgebracht“ und was sie zurückgelassen hatten. Weitere Übungen machten Gemeinsamkeiten innerhalb der Gruppe sichtbar und griffen Fragen nach der eigenen Beziehung zu Europa auf.
Ähnlich arbeiteten wir an der Hans-Litten-Schule mit zwei Willkommensklassen. Auch dort verbanden Übungen zur eigenen Biografie und Herkunft persönliche Erfahrungen mit weiterführenden Fragen nach Zugehörigkeit, Gemeinsamkeiten und gesellschaftlicher Teilhabe.
Politische Fragen aus dem eigenen Alltag
Ein wichtiges Prinzip unserer Arbeit besteht darin, politische Themen nicht von außen vorzugeben. Wir schaffen zunächst Gelegenheiten, in denen die Teilnehmenden ihre eigenen Interessen und Erfahrungen sichtbar machen können. Daraus entwickeln sich die Schwerpunkte der weiteren Arbeit.
Am OSZ Bürowirtschaft Steglitz beschäftigten sich die Jugendlichen mit Fragen der persönlichen Entwicklung, finanziellen und materiellen Freiheiten, Bildungsmöglichkeiten, Freundschaft und Beziehungen. Gleichzeitig spielten Erfahrungen mit Diskriminierung eine wichtige Rolle – sowohl im Alltag als auch auf institutioneller Ebene. Der Bericht zur Workshopreihe beschreibt die Gruppe als interessiert und engagiert. Besonders produktiv waren sprachbasierte Gruppenarbeiten, gemeinsame Diskussionen und dynamische Übungen.
An der Max-Taut-Schule standen andere Erfahrungen im Vordergrund. Dort kamen gesellschaftlicher Ausschluss, soziale Ungleichheit und als ungerecht wahrgenommene politische oder gesellschaftliche Entscheidungen zur Sprache. Die Gruppendynamik stellte die Bildner*innen zugleich vor größere Herausforderungen. Längere schriftliche Aufgaben oder sehr abstrakte Übungen erwiesen sich als weniger geeignet. Deutlich besser funktionierten offene Gespräche, die unmittelbar an den Lebenserfahrungen der Jugendlichen ansetzten, sowie humorvolle und persönliche Formen der Ansprache.
Solche Unterschiede zeigen, warum eine prozessorientierte politische Bildung notwendig ist. Was in einer Gruppe gut aufgeht, kann in einer anderen zu abstrakt, sprachlich zu anspruchsvoll oder zu wenig aktivierend sein. Unsere Workshops werden deshalb während der Durchführung immer wieder angepasst.
Vertrauen, Beteiligung und Selbstwirksamkeit
Die bisherigen Erfahrungen bestätigen den Wert dieses vertrauensvollen und bewertungsfreien Rahmens. Gerade dort, wo die Bildner*innen selbst offen auftreten und die Jugendlichen mit ihren Erfahrungen ernst nehmen, entsteht häufig eine größere Bereitschaft, sich einzubringen. Am OSZ Bürowirtschaft Steglitz waren Beteiligung und Anwesenheit während der Workshopreihe besonders hoch.
Politische Beteiligung beginnt zudem nicht erst bei Wahlen oder politischen Institutionen. Sie kann bereits darin bestehen, eigene Erfahrungen einzuordnen, eine Meinung zu formulieren, anderen zuzuhören, Konflikte auszuhandeln oder gemeinsame Interessen zu erkennen. Genau solche Fähigkeiten wollen wir in den Workshops praktisch erfahrbar machen.
Dazu gehören auch die kreativen und körperorientierten Methoden, die sich in den Willkommensklassen bewährt haben. In unseren Konzepten arbeiten wir mit Zukunftswerkstätten, autobiografischer Reflexion, Standbildern, Theaterarbeit, Collagen und Projektgruppenarbeit. Ziel ist nicht nur, über gesellschaftliche Probleme zu sprechen, sondern auch eigene Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln und auszuprobieren.
Was wir aus den bisherigen Workshops lernen
Die Erfahrungen des ersten Halbjahres zeigen zugleich, wie wichtig eine gute Abstimmung mit den Schulen ist. Dort, wo Lehrkräfte und andere schulische Ansprechpersonen frühzeitig einbezogen wurden und Informationen über die Gruppe zur Verfügung standen, konnten Methoden und Ablauf gezielter vorbereitet werden. Am OSZ Bürowirtschaft Steglitz wird die Zusammenarbeit mit Schule und Klassenleitung im Bericht ausdrücklich positiv hervorgehoben.
An der Max-Taut-Schule zeigte sich die andere Seite, denn bei anspruchsvollen Gruppendynamiken wäre eine frühere und intensivere Abstimmung hilfreich gewesen. Der Abschlussbericht empfiehlt deshalb, mögliche Störfaktoren im Vorfeld genauer zu besprechen, eine Unterrichtsstunde vorab zu besuchen und mit kleineren Gruppen oder mit zwei Bildner*innen zu arbeiten.
Für das Schuljahr 2026/2027 planen wir, unsere politische Bildungsarbeit an Berliner Schulen und Oberstufenzentren fortzuführen und strukturell weiterzuentwickeln. Die folgenden Schwerpunkte beschreiben unsere geplante Weiterentwicklung, deren Umsetzung teilweise noch von Förderzusagen abhängt.
Geplant sind längerfristige Workshopreihen und kompakte Projekttage, insbesondere für Willkommensklassen und Lerngruppen der Berufsausbildungsvorbereitung. Inhaltlich sollen Demokratie und Mitbestimmung, Menschenrechte, Diskriminierung und Rassismus, Zugehörigkeit sowie gesellschaftliche Teilhabe weiterhin zentrale Themen bilden.
Eine wichtige Neuerung in den neuen Konzepten ist die systematischere Vorbereitung der Arbeit an den Schulen. Vor längerfristigen Workshopreihen sollen eigene Vorbereitungstage stattfinden. Dabei geht es nicht nur um organisatorische Fragen. Die Bildner*innen sollen das schulische Umfeld und die Lerngruppe kennenlernen und sich mit Klassenleitungen, Schulsozialarbeit und weiteren Ansprechpersonen austauschen. So erhalten sie frühzeitig Informationen zu Sprachstand, Gruppendynamik und besonderen Bedarfen.
Für einen Teil der Vorhaben ist außerdem eine Nachbereitung einige Monate nach Abschluss der Workshopreihe vorgesehen. Gemeinsam mit den Beteiligten soll reflektiert werden, welche Themen und Impulse weiterwirken und welche Beteiligungs- oder Unterstützungsbedarfe weiterhin bestehen. Damit soll politische Bildungsarbeit stärker als längerfristiger Prozess verstanden werden, der nicht mit der letzten Workshopsitzung endet.
Ein weiterer neuer Baustein ist die geplante wissenschaftliche Beratung und Begleitung. In einem der Vorhaben sollen die Erfahrungen aus mehreren Schulen durch eine Expertin für politische Bildung und Bildungsforschung begleitet und systematisch ausgewertet werden. Die Ergebnisse sollen genutzt werden, um Methoden, Projektaufbau und Qualitätssicherung weiterzuentwickeln. Ergänzt wird dies durch Feedback der Teilnehmenden, interne Auswertungen der Bildner*innen und den Austausch mit den schulischen Ansprechpersonen.
Darüber hinaus wollen wir Medien und digitale Öffentlichkeit stärker in unsere Bildungsarbeit einbeziehen. Je nach Interessen und Bedarf der Gruppen können Themen wie Social Media, Desinformation, Hate Speech, Algorithmen, digitale Zivilcourage oder die politische Bedeutung von Bildern und Sprache aufgegriffen werden. Auch hierfür wurden entsprechende Vorhaben beantragt.
Daneben laufen bereits konkrete Gespräche über weitere Kooperationen. Arbeit und Leben Berlin-Brandenburg hat fünf zusätzliche Workshoptage in Aussicht gestellt. Beim letzten Austausch stand die Bestätigung noch aus.
Für dieses Schuljahr haben wir damit ein klares Ziel. Wir wollen die politische Bildungsarbeit an Schulen stärker vorbereiten, längerfristig begleiten und systematischer auswerten. Die Erfahrungen aus dem ersten Halbjahr 2026 bilden dafür die Grundlage.
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